Visit Västerbotten

Auf der Suche nach Elchen

Das hier ist so etwas wie der Einstieg in das, was die letzte Wildnis Europas genannt wird. Von einem Weichstart mit Kochkaffee, Zimtschnecken und einem Rundgang in der Wildnisausstellung bis zu einem abschließenden Bad mitten im Nirgendwo.

Die Birkenholztassen sind alle handgefertigt. Jede ist ein Einzelstück und Catrin wählt sorgfältig aus. Am Ende entscheidet sie sich für eine mit Knochenintarsien und Wellengravur. Sie streckt die Tasse vor und Thorbjörn gießt Kochkaffee hinein. Und reicht ihr eine Zimtschnecke.
     - Frisch gebacken", versichert er, und wirft noch einen Holzscheit auf das Feuer.
Catrin ist aus Deutschland. Aus Süddeutschland, genauer gesagt. Aus Köln. Sie ist eine von rund zehn Deutschen, die noch nie weiter nördlich waren als jetzt. In den Wäldern rund um Svansele und in einem Gebiet, das gelegentlich die letzte Wildnis Europas genannt wird.

Ein schrittweise zunehmendes Erlebnis der Wildnis

Obwohl es mitten im Winter ist, bekommt man dank der nordschwedischen Wildnisausstellung sofort ein Gefühl für die subarktische Fauna. Alle Tiere sind vertreten und werden im Raum für die jeweilige Jahreszeit ausgestellt - Frühling, Sommer, Herbst und Winter - vom kleinen Fitis bis hin zu Steinadler, Vielfraß und Wolf.
Thorbjörn ist, wie so viele Male zuvor, in glänzender Erzählerlaune.
Mit großem Einfühlungsvermögen mischt er Anekdoten aus seinem ereignisreichen Leben in den Wäldern rings um Svansele mit nüchternen Fakten über die Tiere und ihr Verhalten.
     - Was machen die da?", fragt jemand in der Gruppe und zeigt auf eine Bildmontage mit drei Bären, die dabei zu sein scheinen, eine alte Eiche ins Wasser zu bugsieren.
     - Ja, bei dem Bild stellt man sich diese Frage," sagt Thorbjörn. Und vielleicht ist das hier meine Lieblingsmontage in der ganzen Ausstellung. Sie animiert zum Nachdenken.
Catrin nickt zustimmend, und etwas abweisend. Ohne die Augen von den Bären abzuwenden.

Auf dem Schneemobil hinaus in die Elchgebiete

Wir tragen Schneemobil-Overalls, ordentliche Schuhe, Handschuhe und Helm. Und jeder hat ein eigenes Schneemobil. Catrin hält den Daumen hoch und setzt sich auf dem Schneemobil-Kissen zurecht. Sie strahlt übers ganze Gesicht. Schließlich ist sie noch nie auf einem Schneemobil gesessen. Und jetzt ist es endlich Zeit für diese Elchsafari.
Jemand in der Gruppe fragt, wie groß die Wahrscheinlichkeit sei, dass sie einen Elch zu sehen bekommen. Es handelt sich schließlich immerhin um Wildtiere, meint der Gast.
Thorbjörn lacht.
     - Bessere Voraussetzungen als hier sind wohl kaum zu bekommen," sagt er.
Thorbjörn prüft ein letztes Mal, dass am Schneemobil eines jeden Ordnung herrscht. Dann geht es los. Catrin und ihre Begleiter sind es natürlich nicht gewohnt, Schneemobile durch eine nordschwedische Winterlandschaft zu manövrieren. Doch sie lernen es schnell, auch wenn Thorbjörn regelmäßig gezwungen ist, jemandem, der aus der Spur gerutscht ist, wieder aufzuhelfen.

Die Safariteilnehmer finden Elchspuren und Elchlosung

Thorbjörn hält die Hand in die Höhe und alle hinter ihm halten ihre Schneemobile an. Er hat Spuren gefunden. Elchspuren. Die Gruppe versammelt sich neugierig um ihn herum. Thorbjörn zeigt auf schwarze runde Kugeln im Schnee.
     - Elchlosung", stellt er fest.
Während leichter Schneefall einsetzt erzählt Thorbjörn, wie die Elche im Norden ihr Leben leben, wie die Elchkuh ihre Kälber verstößt, wenn es für sie an der Zeit ist, allein zurechtzukommen, und dass frische Tannentriebe ihre Leibspeise sind.
Jemand in der Gruppe fragt, ob es nicht Zeit wäre, bald die echte Ware zu sehen.
     - Ja, die Schneespuren sind für uns von Vorteil", sagt Thorbjörn, und startet wieder das Schneemobil.
Alle Formen von echten Naturerlebnissen, die auf Wildtieren basieren, enthalten immer einen Grad von Unsicherheit, doch Thorbjörn macht sich keine Sorgen. Sogar nicht im Geringsten. Das ist weithin sichtbar.

Endlich Elche in Sicht

Und plötzlich stehen sie da. Die Elche. Catrin, die das erste Schneemobil in der Kolonne fährt, ist auch eine der ersten, die Thorbjörns ausgestreckte Hand bemerkt.
Das Geräusch der Schneemobile erstirbt augenblicklich. Dort drüben stehen sie. Zwei Stück, eine Kuh und ein Kalb.
     - Ein Elchkalb wiegt bei seiner Geburt nicht mehr als 15 Kilo", sagt Thorbjörn, "aber noch im selben Herbst kann es fast 150 Kilo wiegen."
     - Fantastisch, Mutter und Tochter", sagt Catrin leise.
Die Elche lassen sich nicht nennenswert davon beeinflussen, dass sie im Rampenlicht stehen. Ohne Weiteres gelangen alle in der Gruppe heran, um einen Blick auf die großen Tiere zwischen den Kiefern zu erhaschen.
     - In der Regel werden Elche in Nordschweden etwas größer als weiter im Süden", fährt Thorbjörn fort, "und ein richtig großer Elchhirsch kann weit über 500 Kilo wiegen."

Andersgeartete Herausforderungen ohne Strom

Im Wildniscamp gibt es keinen Strom, kein fließendes Wasser oder andere moderne Einrichtungen. Überall flackern Fackeln. Es ist bereits dunkel, obwohl vier Uhr nachmittags noch nicht vorüber ist. Das Camp liegt mitten im Nirgendwo. Hier gibt es ordentliche, aus Holz bestehende Koten, einige Hütten, eine heiße Sauna und dampfende Badetonnen.
In der großen Kote brät Thorbjörn in drei Muurikkas - skandinavischen Grillpfannen - das Essen über dem offenen Feuer.  In der einen ist Fisch, in der anderen Fleisch und in der dritten Gemüse und Kartoffeln.
     -Bloß Salz", sagt er, und stellt den Salzstreuer zurück. Keine anderen Gewürze. Das braucht es nicht. Das Fleisch und der Fisch haben von Natur aus so viel guten Geschmack in sich.
Die Stimmung in der Kote ist gedämpft. Das Feuer prasselt und es sind viele Gespräche zu hören, jedoch leise.
Catrin sitzt still da. Sie blickt wie hypnotisiert ins Feuer.
Bald ist es an der Zeit, ins Leben dort draußen zurückzukehren. Zum städtischen Treiben in Köln. Zu all den tausenden von Menschen, von denen sie täglich umgeben ist, ohne dass sie auch nur darüber nachdenken würde. In den Wäldern rings um Svansele gibt es keine fremden Menschen. Hier ist fast alles anders. Nicht unbedingt besser. Aber es ist zweifelsohne anders.
     -Jetzt gehen wir in die Sauna", sagt jemand, und erhebt sich sachte.
Langsam folgen die anderen nach.
     -Ja, genau", sagt Thorbjörn und zwinkert mit den Augen. Es gibt eine Rutsche von oben auf der Sauna hinunter in den See. Ich habe ein Loch ins Eis geschlagen und eine Leiter hineingesteckt. Das heißt, falls sich jemand traut.  
Catrin lacht ihn an, als Antwort, dass sie die Herausforderung annimmt.
Ein paar Minuten später nimmt sie die ersten Sprossen hinunter in das eiskalte Wasser im Eisloch. Denn wenn man zum ersten Mal in der nordschwedischen Wildnis ist, und schrittweise in sie eingeführt wurde, dann bleibt einem eigentlich nicht viel übrig, als die Sache bis zum Schluss durchzuziehen.